Der Gott der Lücken

Der "Gott der Lücken" ist eine Sichtweise auf die Wissenschaft, die alle Lücken, welche wir in unserem wissenschaftlichen Verständnis der Natur noch haben als Beweis für einen Gott deutet. Diese Sichtweise wird interessanterweise nicht nur von Atheisten kritisiert, sondern auch von vielen christlichen Denkern.

Grund dafür ist, dass ein Gott der Lücken implizieren würde, dass die wissenschaftlich verständlichen Dinge keinen Gott benötigen und somit mit jeder weiteren Lücke, die die Wissenschaft schließt Gott kleiner wird.

In seinem Buch "Science and Christian Belief" schrieb Charles Alfred Coulson, der diesen Begriff im Englischen (God of the gaps) zuerst prägte: "Entweder ist Gott in der gesamten Natur oder Er ist überhaupt nicht in ihr."

Mit anderen Worten Gott nur auf die Bereiche einzuschränken, die wir nicht verstehen wird Ihm nicht gerecht, weil Er allgegenwärtig ist. Ich sehe es genauso, dass Gott nicht nur in den Lücken unseres Wissen, sondern überall zu finden ist. Zudem macht es aus wissenschaftlicher Sicht wenig Sinn so zu argumentieren, denn dann stellt jedes Mal wenn eine Lücke mit wissenschaftlichen Mitteln geschlossen wird sich wieder die Frage nach der Existenz Gottes. Mehr noch würde, genauso wie die Existenz der Lücke als Beweis für Gottes Existenz verwendet wurde, sich das Schließen einer solchen Lücke als Beweis für seine Nicht-Existenz heranziehen lassen.

Außerdem impliziert es, dass nur weil wir eine wissenschaftliche Beschreibung für gewisse Vorkommnisse haben dahinter kein Schöpfer steckt. In meinem Buch zeige ich, dass die Naturgesetze als eine Beschreibung des Verhaltens Gottes betrachtet werden können. Somit sind die wissenschaftlich erklärbaren Sachverhalte nicht "entgöttlicht", sondern lediglich eine Beschreibung Gottes Verhaltens, von der dieser allerdings auch abweichen kann, was z.B. als Jesus übers Wasser ging geschehen sein muss. Es ist also vielmehr so, dass Gott in der gesamten Natur zu finden ist und die Lücken, die wir in unseren naturwissenschaftlichen Theorien haben nicht mehr auf Gottes Existenz hindeuten als die Dinge, die wir bereits verstehen.

Wir erkennen nur stückweise

Im zweiten Kapitel meines Buches und auch der zweiten Leseprobe zu meinem Buch auf diesem Blog vergleiche ich Theorien mit Kinder-Punkt-Rätseln. Die einzelnen Punkte eines solchen Rätsels sind die Messungen oder wissenschaftlichen Fakten und die Verbindung dieser Punkte zu einem Bild ist eine wissenschaftliche Theorie. Da unsere bisherigen bestätigten Theorien alle effektiv sind, sind diese Theorien nie das ganze Bild, sondern haben stets auch Lücken. Das gesamte Bild wäre eine fundamentale Theorie. Meiner Überzeugung nach ist eine solche Theorie mit wissenschaftlichen Mitteln unmöglich zu finden und jede geschlossene Lücke deckt stets neue Lücken auf. So heißt es auch in 1. Korinther 13,9: Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise. Paulus bezieht sich hier zwar vor allem auf den übernatürlichen Bereich aber ich glaube, dass dies im Natürlichen auch gültig ist und wir stets nur einen Teil des Puzzles kennen. Daher stehe ich fundamentalen Theorien eher skeptisch gegenüber, weil ich nicht glaube, dass die Wissenschaft eine Antwort auf alle Fragen finden kann, geschweige denn es ihre Aufgabe ist.

Es ist also so, dass Gott das gesamte Bild liefert und die Wissenschaft nur einen winzigen Bruchteil dieser Natur beschreiben kann. In Fragestellungen die über die Wissenschaft hinaus gehen oder von der Wissenschaft derzeit nicht beantwortet werden können ist es daher nötig auf den Glauben zu bauen. Auch bei Nicht-Gläubigen ist dies so, nur dass diese dann nicht an Gott, sondern an etwas anderes glauben. Entweder glauben sie, dass die bestehenden Theorien sich irgendwie auf diese Lücken erweitern lassen oder sie haben einen anderen Glauben daran was in diesen Lücken ist. Diese Lückenfüller weisen dann jedoch stets weitere Lücken auf, die wieder gefüllt werden müssen. Und das ist auch die Aufgabe der Wissenschaft: Beschreibungen für die Lücken unseres Verständnisses zu finden und die dann durch diese neuen Erkenntnisse aufgedeckten Lücken erneut zu füllen. Man erkennt hier aber auch den sich permanent wiederholenden Prozess des Gewinns neuer Erkenntnisse.

Warum es Glauben braucht

Als Antwort auf alle Fragen eignet sich die Wissenschaft daher nicht, weil sie stets mehr neue Fragen aufwirft als sie beantwortet. Für eine Antwort auf diese Fragen braucht es daher Glauben. Und ich glaube hier kommt die ursprüngliche Intention des Konzepts eines Gottes der Lücken zum Vorschein. In den ungeklärten Fragen der Wissenschaft auf Gott zu verweisen heißt nicht es als einen Beweis für Gottes Existenz zu sehen. Es ist vielmehr das Bewusstsein, dass die Wissenschaft nicht in der Lage ist alle Fragen zu klären und um Antworten zu bekommen geht man zu dem der alle Antworten hat: Gott.

Denn selbst wenn die Wissenschaft diese Fragen beantworten kann ist es zum einen wie bereits erwähnt so, dass dadurch neue Fragen aufkommen. Zum anderen aber ist es so, dass bis man auf wissenschaftlichem Wege zu diesen Antworten kommt es schon zu spät sein kann. Denn um wissenschaftliche Theorien zu bestätigen braucht es Fakten also Daten. Und dabei gilt je mehr Daten desto besser. Zudem braucht es ein gewisses Minimum an Daten um genug Statistik zu haben, die es erlaubt die richtigen Schlüsse zu ziehen. Gerade in Krisenzeiten kann man es sich oft nicht leisten zu warten bis genug Daten gesammelt wurden um in das Geschehen einzugreifen. Wissenschaft kann nämlich nur aufbauend aus dem was in der Vergangenheit geschehen ist (Daten) vorhersagen was in der Zukunft passieren wird. Solange es aber noch nicht genug Daten gibt ist die Wissenschaft relativ hilflos.

Ohne einen Glauben an Gott wird man in solchen Zeiten zu verzweifelten, panischen oder pseudowissenschaftlichen Mitteln greifen, da man nichts anderes hat worauf man vertrauen kann. Daher ist der Glaube an Gott wichtig. Jedoch sollte man nicht nur in Krisenzeiten im Glauben leben, sondern immer. Denn auch dann wenn die Wissenschaft Antworten liefert sind diese meist nicht vollständig. Oft wird dadurch die Illusion von Verständnis erzeugt und somit Wichtiges übersehen. Um auch in Krisen fest stehen zu können ist der Glaube an Gott und sein Wort also unabdingbar. Zudem glaube ich, dass aus diesem Vertrauen die noch offenen Fragen der Wissenschaft am Einfachsten gelöst werden können. Denn wenn Gott überall in der Natur ist, auch dort wo die Wissenschaft Lücken aufweist, lassen sich diese wohl am Besten füllen wenn man die Antworten bei Ihm sucht. Ich glaube sogar, dass die meisten großen Durchbrüche in der Wissenschaft so zustande gekommen sind und die moderne Wissenschaft selbst durch den Glauben erst in Existenz gekommen ist. Dies hier weiter auszuführen würde aber zu weit gehen. Mehr dazu findet sich unter anderem in meinem Buch.

Der Ansatz die Lücken der Wissenschaft auszufüllen indem man die Antworten bei Gott sucht ist eine Umkehrung des Prinzips, dass der Schöpfer die Schöpfung widerspiegelt. Statt in den wissenschaftlichen Erkenntnissen Gottes Wesenszüge zu finden, findet man wissenschaftliche Erkenntnisse indem man Gottes Wesen betrachtet. Dies ist Teil der Vision von Sci-Faith.

Wir haben also gesehen, dass Gott nicht ein Gott der Lücken ist, sondern ein Gott der in der gesamten Natur vorzufinden ist. Da dies die Lücken der Wissenschaft aber mit einschließt braucht es den Glauben um, nicht nur aber auch in Krisenzeiten, wo die Wissenschaft oft nur bedingt hilfreich ist, bestehen zu können. Ich möchte also jeden ermutigen, egal in welcher Situation Du Dich gerade befindest, auf Gott zu vertrauen und nicht auf Dein eigenes Verständnis, wie es auch in Sprüche 3,5-6 heißt:

Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand! Auf all deinen Wegen erkenne nur ihn, dann ebnet er selbst deine Pfade!
- Sprüche 3,5-6

Josua Göcking
Josua Göcking
Ich bin studierter Physiker, Softwareentwickler und Autor des Buchs "Sci-Faith - Die Vereinbarkeit von Glaube und Wissenschaft". Mein Herz brennt dafür Wissenschaft aus einem Fundament des Glaubens heraus zu betrachten und zu betreiben.